Verstehen

Der Träumer: Warum das Ausmalen die Umsetzung nicht ersetzt

6 Min Lesezeit
Juli 2026
Illustration zum Aufschiebe-Muster Träumer

Die Idee ist da, ausgearbeitet, überzeugend. Was fehlt, ist der Teil danach: die Details, die zweite Woche, der unspektakuläre Rest. In deinen Plänen steckt viel Möglichkeit und wenig nächster Schritt.

Woher dieses Muster stammt:

„Der Träumer“ ist einer von sechs Aufschiebe-Typen aus dem Ratgeber „It’s About Time!“ von Linda Sapadin und Jack Maguire (1997). Ein Ordnungsmodell aus der Praxis, keine validierte psychologische Klassifikation und keine Diagnose. Zu einem Punkt dieses Musters gibt es allerdings ungewöhnlich klare Forschung, und sie sagt etwas anderes als die Ratgeber.

Das Ausmalen ist nicht der Anlauf

Der gängige Rat lautet, man solle sich das Ziel möglichst lebhaft vorstellen: das fertige Buch, die bestandene Prüfung, das laufende Projekt. Gabriele Oettingen und Doris Mayer haben 2002 nachgesehen, ob das trägt.

Sie unterschieden dabei zwei Dinge, die leicht durcheinandergehen:

  • die Erwartung, dass es klappen wird, also eine nüchterne Einschätzung der eigenen Aussichten
  • die Fantasie, also wie positiv jemand sich die Zukunft ausmalt

In vier Untersuchungen an sehr verschiedenen Gruppen (Absolventen auf Jobsuche, Verliebte, Studierende vor einer Prüfung, Patienten nach einer Hüftoperation) gingen die beiden in entgegengesetzte Richtungen. Die Erwartung hing mit mehr Anstrengung und besseren Ergebnissen zusammen, das positive Ausmalen mit weniger Anstrengung und schlechteren Ergebnissen.

Bei den Studierenden hieß das konkret: Wer sich das gute Ergebnis positiver ausmalte, berichtete weniger Lernaufwand (r = −.25) und bekam etwas schlechtere Noten (r = −.16). Die Erwartung, dass es klappt, hing in dieselbe Richtung positiv zusammen. Die Autorinnen fanden Hinweise darauf, dass der geringere Aufwand das Bindeglied zwischen Fantasie und Misserfolg ist.

Reichweite:

Das sind Zusammenhänge, und sie sind klein bis mittelgroß. „Träumen ruiniert deine Noten“ wäre zu stark. „Hängt mit etwas weniger Aufwand zusammen“ trifft es.

Der Nachweis, dass es nicht nur ein Zusammenhang ist

Neun Jahre später haben Heather Kappes und Gabriele Oettingen das Ausmalen nicht mehr nur gemessen, sondern gezielt hervorgerufen. In vier Experimenten wurden Teilnehmende angeleitet, sich eine Wunschzukunft positiv auszumalen, während Vergleichsgruppen dieselbe Zukunft in Frage stellten, sie negativ ausmalten oder an etwas Neutrales dachten.

Wer positiv ausgemalt hatte, zeigte danach weniger Energie. In einer der Studien wurde das über den systolischen Blutdruck gemessen, ein in der Aktivierungsforschung übliches Maß: Er sank in der Fantasie-Bedingung, in der Vergleichsbedingung nicht. Die Autorinnen schließen daraus, dass fehlende Energie einer der Gründe ist, warum sich das Ausmalen negativ auf Ergebnisse auswirkt.

Die Effekte sind klein, und die Autorinnen sagen das für die erste Studie selbst. „Träumen macht müde“ wäre zu stark. Aber die Richtung ist experimentell hergestellt und nicht nur beobachtet: Das Ausmalen zehrt, statt anzutreiben. Wer das Bild schon hat, hat einen Teil der Belohnung schon bekommen.

Was stattdessen wirkt: den Moment festlegen

Der am besten belegte Gegenmechanismus ist unspektakulär. Peter Gollwitzer nennt ihn Wenn-Dann-Plan: Statt sich vorzunehmen, was man erreichen will, legt man vorher fest, wann und wo man was tut.

„Ich arbeite diese Woche am Konzept“ ist ein Ziel. „Wenn ich Dienstag den Rechner aufklappe, öffne ich zuerst das Konzeptdokument und schreibe die Gliederung“ ist ein Plan.

In der Übersichtsarbeit von Gollwitzer und Sheeran über 94 unabhängige Tests hatte das Bilden solcher Pläne einen mittleren bis großen Effekt auf das Erreichen von Zielen (d = 0,65). Aufgeschlüsselt nach Teilproblemen entfiel davon:

TeilproblemEffekt
Gar nicht erst anfangend = 0,61
Unterwegs abkommend = 0,77
Insgesamt (94 Tests)d = 0,65

Für dieses Muster ist der erste Wert der interessante. Gemessen wurde allerdings Zielerreichung, nicht Aufschiebeverhalten. Der Schluss von „hilft beim Anfangen“ auf „hilft gegen Prokrastination“ ist naheliegend, aber in dieser Form nicht belegt.

Wunsch und Hindernis zusammendenken

Der zweite Baustein heißt mentales Kontrastieren: erst den Wunsch ausmalen, dann das Hindernis benennen, das ihm im Weg steht, und beides nebeneinanderstellen. Angela Duckworth und Kolleginnen haben das mit Wenn-Dann-Plänen kombiniert und gegen reines positives Denken getestet.

77 Fünftklässler wurden per Zufall der einen oder anderen Anleitung zugeteilt. Wer das Kontrastieren gelernt hatte, hatte im folgenden Quartal bessere Noten, kam zuverlässiger pünktlich und wurde im Verhalten besser bewertet. Der Vergleich lief also nicht gegen Nichtstun, sondern gegen positives Denken. Der Unterschied lag genau darin, ob das Hindernis mitgedacht wurde.

Zwei Einschränkungen gehören dazu, und die Autorinnen nennen sie selbst: Im Quartal danach war die Wirkung nicht mehr statistisch bedeutsam, und es waren 77 Kinder an einer einzigen Schule. Für Erwachsene mit vielen Projektideen ist damit nichts bewiesen.

Woran es wahrscheinlich wirklich hängt

Wenn man Steels Meta-Analyse nach dem stärksten Einzelzusammenhang mit Aufschieben durchsieht, steht dort nicht Fantasie und nicht Ideenreichtum, sondern Selbstwirksamkeit: die Einschätzung, eine Sache tatsächlich hinzubekommen. Über 39 Befunde und knapp 7.000 Personen liegt der Zusammenhang bei r = −.38. Je geringer das Zutrauen, desto mehr Aufschieben.

Das passt zu Oettingens Unterscheidung: Nicht das Bild vom Ergebnis trägt, sondern die begründete Erwartung, dass man es schaffen kann. Es ist eine Korrelation, keine Ursache, und die Richtung ist offen.

Was sich daraus ableiten lässt:

Der erste Schritt sollte klein genug sein, dass du ihn dir zutraust, und der Moment sollte feststehen. Nicht „diese Woche“, sondern ein Tag, eine Uhrzeit, ein Auslöser. Das ist die Blickrichtung, die die Befunde nahelegen; eine Studie, die genau diese Umsetzung bei Menschen mit vielen Ideen geprüft hätte, gibt es nicht.

Das Wichtigste:

  • Positives Ausmalen hängt mit weniger Anstrengung und schlechteren Ergebnissen zusammen
  • Experimentell erzeugtes Ausmalen senkte messbar die Energie
  • Die nüchterne Erwartung, dass es klappt, wirkt in die andere Richtung
  • Wenn-Dann-Pläne haben über 94 Tests einen Effekt von d = 0,65 auf Zielerreichung
  • Der stärkste Einzelzusammenhang mit Aufschieben ist geringes Zutrauen (r = −.38)

Was hier bewusst nicht steht

In Ratgebern zu diesem Muster stehen regelmäßig zwei Empfehlungen: sich jemanden zu suchen, der den Fortschritt kontrolliert, und in Gesellschaft zu arbeiten, auch stumm. Beides mag im Alltag funktionieren, und beides steht hier ohne Zahl, weil sich die kursierenden Prozentwerte auf keine auffindbare Untersuchung zurückführen lassen. Belegt ist nur ein engerer Punkt: Den eigenen Fortschritt zu verfolgen hilft beim Erreichen von Zielen, mit einem kleinen bis mittleren Effekt.

Fazit

Das Problem dieses Musters ist nicht, dass zu viel geträumt wird. Es ist, dass das Träumen sich anfühlt wie ein Anfang und die Forschung genau das nicht bestätigt. Der Ausweg ist nicht weniger Vorstellungskraft, sondern ein festgelegter Moment und ein erster Schritt, den du dir zutraust.

Wie das über mehrere Wochen aussieht, steht bei den Strategien gegen das Aufschieben. Wenn du wissen willst, was hinter dem Aufschieben grundsätzlich steckt: Definition und Ursachen.

Weiterführende Artikel:

Henry Wolf

Schreibt hier ohne psychologische Ausbildung. Jede Zahl steht mit ihrer Quelle am Artikel, damit sie nachprüfbar ist.