
Zusagen fallen leichter als Absagen. Die Liste ist lang, der Tag ist voll, und am Abend ist viel erledigt, nur nicht das, was zählt. Das Muster heißt bei Sapadin „der Überlaster“, und es ist das einzige der sechs, bei dem die erste Frage lauten muss: Schiebst du überhaupt auf?
„Der Überlaster“ ist einer von sechs Aufschiebe-Typen aus dem Ratgeber „It’s About Time!“ von Linda Sapadin und Jack Maguire (1997). Ein Ordnungsmodell aus der Praxis, keine validierte psychologische Klassifikation und keine Diagnose. Dieses Muster wirft dabei drei sehr verschiedene Dinge zusammen, und sie verlangen gegensätzliche Antworten.
Die Prüffrage zuerst
In der Forschung ist Prokrastination eng definiert. Piers Steel fasst sie so: eine beabsichtigte Handlung freiwillig aufschieben, obwohl man erwartet, durch den Aufschub schlechter dazustehen. Drei Bedingungen müssen zusammenkommen: Es gab eine Absicht, der Aufschub war freiwillig, und man rechnet selbst mit Nachteilen.
Fehlt eine davon, ist es per Definition kein Aufschieben.
Habe ich es freiwillig liegen lassen, obwohl ich wusste, dass es mir schadet? Wenn nein, ist es keine Prokrastination, und die Suche nach der richtigen Technik geht ins Leere.
Wer mehr Arbeit hat, als in die verfügbare Zeit passt, lässt zwangsläufig etwas liegen. Das ist keine Selbstregulationsstörung, sondern Arithmetik. Für diesen Fall ist jeder Ratschlag zur besseren Priorisierung nicht nur wirkungslos, er verschiebt die Verantwortung auf die falsche Seite. Steels Meta-Analyse behandelt Arbeitsbelastung gar nicht als eigenes Thema; sie ist schlicht kein Fall von Prokrastination.
Das ist eine ungewöhnliche Auskunft für einen Ratgebertext, und sie ist der wichtigste Satz dieses Artikels. Der Rest gilt für alle, bei denen die Prüffrage mit Ja beantwortet ist.
Der Mechanismus, der wirklich trägt: Wir unterschätzen uns selbst
Warum sagt jemand zu viel zu, ohne unvernünftig zu sein? Weil die Zusage von heute auf einer Schätzung beruht, die zuverlässig zu niedrig ausfällt.
Roger Buehler, Dale Griffin und Michael Ross haben das 1994 in einer klassischen Arbeit gezeigt. Psychologiestudierende im Abschlusssemester sagten voraus, sie würden ihre Abschlussarbeit in durchschnittlich 33,9 Tagen fertig haben. Tatsächlich brauchten sie 55,5 Tage. Weniger als ein Drittel war zum selbst genannten Termin fertig.
Der aufschlussreichste Teil steht daneben: Dieselben Personen sollten auch schätzen, wann sie fertig wären, „wenn alles so schlecht liefe wie irgend möglich“. Auch dieser Worst-Case-Termin lag im Mittel noch zu früh, und nur knapp die Hälfte schaffte ihn.
Es ist auch kein Schönreden. Die Befragten gaben an, sich zu 74,1 Prozent sicher zu sein, ihre Prognose zu halten. Bei Alltagsaufgaben derselben Art sah es genauso aus: fünf bis sechs Tage vorhergesagt, neun bis elf Tage gebraucht.
Der Befund, aus dem sich etwas machen lässt
Die Fehleinschätzung ist spezifisch für eigene Aufgaben. In derselben Arbeit schätzten Beobachter, die für eine andere Person planten, in die Gegenrichtung daneben: Sie sagten im Mittel zu spät voraus, während die Handelnden selbst zu früh lagen.
Wer für andere plant, ist also vorsichtig. Wer für sich plant, ist es nicht.
Im Netz liest man häufig, nur 30 Prozent hätten ihre Arbeit selbst dann rechtzeitig abgegeben, wenn sie einen Termin nennen sollten, bei dem sie zu 99 Prozent sicher seien. Eine solche Bedingung gibt es in dieser Untersuchung nicht. Die 29,7 Prozent beziehen sich auf die ganz normale beste Schätzung.
Der zweite Mechanismus: Was abzulaufen scheint, gewinnt
Meng Zhu, Yang Yang und Christopher Hsee haben untersucht, wie sich Dringlichkeit auf die Wahl zwischen zwei Aufgaben auswirkt. In ihren Experimenten stieg der Anteil derer, die sich für die schlechter bezahlte Aufgabe entschieden, deutlich, sobald diese als ablaufend dargestellt wurde: in einem Experiment von 13,3 auf 31,3 Prozent, in einem weiteren von 7,3 auf 48,1 Prozent.
Die Reichweite dieses Befunds ist eng, und sie gehört dazu: Gemessen wurde eine Wahl zwischen zwei sofort verfügbaren Aufgaben mit kleinen Geldbeträgen, bei Studierenden und Klickarbeitern. Das ist kein Aufschieben, sondern eine Aufmerksamkeitsverschiebung im Moment der Entscheidung. Der Satz „das Wichtige rutscht hinter das Dringende“ geht über das hinaus, was hier gezeigt wurde.
Was die Eisenhower-Matrix wirklich ist
Der übliche Rat an dieser Stelle lautet: Sortiere nach wichtig und dringend, so wie Eisenhower. Zwei Dinge dazu.
Erstens die Herkunft. Eisenhower hat den Gedanken tatsächlich geäußert, am 19. August 1954 in Evanston. Er beansprucht ihn aber nicht für sich, sondern schreibt ihn einem ungenannten ehemaligen Universitätspräsidenten zu. Die verbreitete Zuschreibung an J. Roscoe Miller ist ein Lesefehler: Miller war amtierender Präsident der Northwestern University und im Saal, Eisenhower spricht ihn als jemanden an, der die Aussage nachvollziehen kann, nicht als Urheber. Auch die heute übliche Zitatfassung weicht vom Redetext ab.
Zweitens die Wirksamkeit. Zur Vier-Felder-Matrix gibt es keine kontrollierte Untersuchung. Die große Meta-Analyse zum Zeitmanagement über 158 Einzelstudien enthält den Wortstamm „prioriti…“ kein einziges Mal.
Was diese Meta-Analyse zeigt: Zeitmanagement hängt mäßig mit Arbeitsleistung zusammen (r um 0,26). Der Zusammenhang mit dem Wohlbefinden, besonders der Lebenszufriedenheit, ist stärker als der mit der Leistung. Die Autoren halten das ausdrücklich für einen Befund gegen die übliche Erwartung: Zeitmanagement macht offenbar mehr mit dem Erleben als mit dem Ergebnis.
Was sich daraus ableiten lässt
| Wenn das zutrifft … | … dann liegt das Problem hier |
|---|---|
| Die Menge passt nicht in die Zeit | bei der Menge, nicht bei dir. Priorisieren ist die falsche Ebene |
| Du sagst zu, und es dauert länger als gedacht | bei der Schätzung |
| Du machst das Ablaufende statt das Wichtige | im Moment der Wahl |
Für den zweiten Fall gibt der Befund eine konkrete Blickrichtung her: Schätze, als würdest du für jemand anderen planen. Dieselben Menschen, die sich selbst zu wenig Zeit geben, geben anderen zu viel. Ob das als bewusste Übung funktioniert, ist nicht geprüft; belegt ist der Unterschied zwischen beiden Perspektiven.
Für den dritten Fall heißt es vor allem: Die Entscheidung fällt nicht am Kalender, sondern in dem Moment, in dem etwas ablaufend wirkt. Wer die Wahl vorher trifft, trifft sie unter anderen Bedingungen.
Das Wichtigste:
- Zu viel Arbeit ist per Definition kein Aufschieben, weil die Verzögerung nicht freiwillig ist
- Studierende sagten 33,9 Tage voraus und brauchten 55,5, bei 74 Prozent subjektiver Sicherheit
- Selbst die Worst-Case-Schätzung lag im Mittel noch zu früh
- Für andere planen dieselben Menschen zu vorsichtig, für sich zu knapp
- Für die Eisenhower-Matrix gibt es keinen Wirksamkeitsbeleg, und die Zuschreibung stimmt nicht
Fazit
Von den sechs Mustern ist dieses das unschärfste, und die ehrlichste Auskunft lautet: Prüf zuerst, ob du überhaupt aufschiebst. Wenn die Menge das Problem ist, hilft keine Methode, sondern nur weniger Menge, und dann ist ein Artikel über Prokrastination die falsche Adresse.
Bleibt es beim Aufschieben, liegt der belegte Hebel nicht beim Priorisieren, sondern beim Schätzen. Was sonst noch dazugehört, steht bei den Strategien gegen das Aufschieben und in der Definition, die hier als Prüffrage gedient hat.
Weiterführende Artikel:
Quellen
- Buehler, R., Griffin, D., Ross, M. (1994): Exploring the „planning fallacy“. Journal of Personality and Social Psychology 67(3), 366–381
- Steel, P. (2007): The Nature of Procrastination. Psychological Bulletin 133(1), 65–94
- Zhu, M., Yang, Y., Hsee, C. K. (2018): The Mere Urgency Effect. Journal of Consumer Research 45(3), 673–690
- Aeon, B., Faber, A., Panaccio, A. (2021): Does time management work? A meta-analysis. PLOS ONE 16(1), e0245066
- Eisenhower, D. D. (19.08.1954): Address at the Second Assembly of the World Council of Churches, Evanston, Illinois


